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Schlüssel zum Blutzucker


19 February 2007. Autor: Blutdruckmessgerät
Schlüssel zum Blutzucker

Von FOCUS-Online-Redakteurin Barbara Abrell

Das Hormon Insulin stammt aus der Bauchspeicheldrüse. Es ist ein Schlüsselbotenstoff für den Blutzuckerstoffwechsel. Nach einer Mahlzeit steigt der Blutzuckerspiegel an, weil Zuckermoleküle aus dem Darm in die Blutbahn gelangen. Insulin bewirkt, dass Körperzellen Zucker aus dem Blut aufnehmen, und senkt so den Blutzuckerspiegel wieder ab. Sein Gegenspieler, Glukagon, verursacht den gegenteiligen Effekt: Es stimuliert die Leberzelle dazu, gespeicherte Glykogen-Vorräte freizusetzen und erhöht so zu niedrige Blutzuckerspiegel.

Ein normaler Blutzuckerspiegel liegt zwischen 60 und 100 mg pro Deziliter und steigt auch nach dem Essen nicht über 140 mg. Ganz anders sieht es bei Zuckerkranken aus: Ihr Wert ist meist höher als 200 mg und erreicht gelegentlich Rekordhöhen zwischen 300 und 400 mg. Schuld daran ist ein gestörter Insulinstoffwechsel. Je nach Art der Störung unterscheidet man Typ-1-Diabetes und Typ-2-Diabetes.

Wenn das Immunsystem irrt
Typ-1-Diabetes ist vermutlich eine Autoimmunerkrankung und tritt bei rund fünf bis zehn Prozent der Diabetiker auf. Auch wenn diese Form der Zuckerkrankheit primär bei Kindern und Jugendlichen vorkommt, sind Erwachsene nicht davor gefeit. Das Immunsystem attackiert die Inselzellen der Bauchspeicheldrüse und zerstört diese. Daraufhin produziert der Körper nicht mehr genug Insulin, das den Blutzuckerspiegel senkt. Die Folge: Der Stoffwechsel gerät aus dem Gleichgewicht.

Neben der These, dass eine Virusinfektion diesen Immunprozess auslöst, gilt heute als sicher, dass diese Form der Zuckerkrankheit auch genetisch bedingt ist. Bei jedem fünften Patient liegt eine familiäre Veranlagung vor.

Am höchsten ist die Neuerkrankungsrate unter Kindern zwischen elf und 13 Jahren. Deshalb wurde der Typ-1-Diabetes früher auch als jugendlicher oder juveniler Diabetes bezeichnet. Zuckerkranke mit dieser Diabetes-Form müssen meist Insulin spritzen.
Bewegung und gesunde Ernährung beugen vor

Erhebungen aus verschiedenen europäischen Ländern haben ergeben, dass die Häufigkeit des kindlichen Diabetes parallel zum Bruttosozialprodukt des Landes steigt. Menschen in Schwellenländern, wie Indien, erkranken unter verbesserten Lebensbedingungen besonders leicht an Diabetes. Ursache ist der Lebensstil der reicheren Länder: Kinder ernähren sich häufig zu kalorienreich und bewegen sich zu wenig.

Parallel zu dieser Erkenntnis zeigen nach Angaben der Deutschen-Diabetes-Union etliche Studien, dass vor allem der Bewegung eine wichtige Rolle bei der Prävention zukommt. Wer beispielsweise täglich mehr als eine halbe Stunde mit dem Fahrrad fährt oder zu Fuß geht, kann sein Risiko, an Diabetes zu erkranken, um 36 Prozent verringern.

Die Prävention setzt aber schon viel früher an. Experten gehen davon aus, dass Stillen der Zuckerkrankheit vorbeugt. Kuhmilch dagegen kann bei Babys die Entwicklung von Diabetes fördern. Dieser Verdacht ergibt sich aus einer Studie des Diabetes-Forschungszentrums an der Universität Düsseldorf. Danach verhindern Abbauprodukte wichtiger Eiweißbestandteile der Kuhmilch möglicherweise die Reifung des Immunsystems. Experten raten Müttern daher, ihre Kinder mindestens drei Monate lang zu stillen.

Der Preis des Wohlstands
Typ-2-Diabetes, früher auch Altersdiabetes genannt, betrifft meist Erwachsene. 90 Prozent der deutschen Diabetiker leiden an dieser Form der Zuckerkrankheit. Altersdiabetes ist wesentlich stärker erblich bedingt als Diabetes vom Typ 1. Bei Zwillingen beträgt die Wahrscheinlichkeit bis zu 90 Prozent, dass beide an Typ-2-Diabetes erkranken. Verwandte ersten Grades sind etwa zu 50 Prozent betroffen.

Die Bauchspeicheldrüse von Typ-2-Diabetikern produziert zwar noch Insulin. Sie gibt es jedoch zeitlich verzögert ab oder es wirkt nicht ausreichend. Der Blutzuckerspiegel steigt nach dem Essen stark an. Übergewicht und zu wenig Bewegung begünstigen diese Form von Diabetes. „Rund 30 bis 40 Prozent der Deutschen haben eine Erbanlage für Diabetes. Dazu kommen Umweltfaktoren wie Bewegungsmangel oder Übergewicht, die die Krankheit dann irgendwann zum Ausbruch bringen“, sagt Peter Bottermann von der Deutschen Diabetes-Gesellschaft.

Wolfgang Rathmann, Diabetes-Epidemiologe am Deutschen Diabetes-Forschungsinstitut, verglich in Zusammenarbeit mit dem GSF-Forschungszentrum in der Region Augsburg Trends der Häufigkeit des bekannten Diabetes zwischen 1985 und 2000: „Insgesamt nahm zwar die Zahl des Typ-2-Diabetiker zu, das liegt aber vor allem an der wachsenden Zahl der Älteren in unserer Gesellschaft. Die prozentuale Erkrankungshäufigkeit in den Altersgruppen ist konstant geblieben. Dies deutet auf ein verändertes Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung hin. Dazu gehört das Bemühen um mehr körperliche Fitness und Vermeidung von Übergewicht.“

In den letzten Jahren häufen sich allerdings auch Fälle von Kindern mit Diabetes vom Typ 2. „Laut unveröffentlichten Daten leiden 30 bis 50 Prozent aller übergewichtigen Kinder bereits unter Symptomen des so genannten Metabolischen Syndroms, haben also erhöhte Blutfettwerte und zu hohe Blutzuckerspiegel“, warnt Wieland Kiess, Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft und Direktor der Universitätsklinik für Kinder und Jugendliche in Leipzig. Damit steigt auch ihr Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken, dramatisch an.

Medikamente und Insulin
Während Patienten mit Typ-1-Diabetes immer Insulin spritzen müssen, ist der Typ-2-Diabetes meist unterschiedlich stark ausgeprägt. Von einer reinen Ernährungstherapie über die Einnahme blutzuckersenkender Tabletten bis hin zum Spritzen von Insulin sind hier verschiedene Behandlungsformen möglich.
Tabletten gegen Diabetes

Vier Gruppen von Medikamenten stehen zur Einzel- und Kombinationsbehandlung zur Verfügung. Laut Eberhard Standl, Diabetes-Experte am Krankenhaus München-Schwabing, folgen diese Medikamente unterschiedlichen Wirkmechanismen:

Alpha-Glucosidasehemmer verzögern die Abgabe von Kohlenhydraten aus dem Darm ins Blut und sparen somit Insulin. Man nimmt sie zu Beginn einer Mahlzeit ein.

Sulfonylharnstoffe kitzeln mehr Insulin aus der Bauchspeicheldrüse. Sie enthalten selbst kein Insulin. Einnahme: zum Frühstück.

Biguanide bremsen die Zuckerabgabe der Leber und verbessern außerdem die Zuckerverwertung in der Muskulatur. Sie werden meist mit dem Essen oder unmittelbar danach verabreicht.

Insulinsensitizer senken effektiv den Blutzuckerspiegel, indem sie die Aufnahme des Zuckers in die Muskeln fördern. Man schluckt sie in der Regel mit dem Essen.
Letzter Ausweg: Insulin

Für viele Diabetiker ist es ein großer Schritt, wenn sie auf Insulin umstellen müssen. In diesem Fall schaffen Medikamente allein es nicht, den Blutzuckerspiegel stabil zu halten. Wichtig ist bei der Umstellung, dass die Patienten eingehend über die Blutzuckermessung, die richtige Dosierung und den Umgang mit Spritze oder Alternativen informiert werden. Dies ist meist mit einem ein- bis zweiwöchigen Klinikaufenthalt verbunden.

Heute steht eine Vielzahl von Insulinen zur Verfügung, die unterschiedlich schnell wirken und deren Effekt unterschiedlich lang anhält. Rasch wirkendes Insulin beispielsweise senkt den Blutzuckerspiegel schon nach zehn bis 15 Minuten und wirkt drei bis fünf Stunden. Lang anhaltendes Insulin entfaltet seinen Effekt erst nach vier bis acht Stunden, hält aber bis zu 36 Stunden an. In der Praxis verwenden Diabetiker meist mehrere Insulinarten nach Bedarf.

Für die Verabreichung des Insulins gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Spritze:
Feine Nadeln injizieren das Insulin in das Fettgewebe an Bauch, Oberschenkel, Gesäß oder Oberarm. Die Infektionsgefahr ist äußerst gering, so dass es nicht nötig ist, Haut oder Nadel zu desinfizieren. Die Spritzen kann der Patient auch durch seine Kleidung hindurch stechen. Spritzen sind als Einwegpräparate oder zum mehrmaligen Gebrauch erhältlich.

Pen:
Bei dem Gerät bilden Nadel und Insulinpatrone eine Einheit, die wie ein Füllfederhalter aussieht. Das Aufziehen der Spritze entfällt. Stattdessen kann der Patient die benötigte Menge Insulin an dem Gerät einstellen und es dann per Knopfdruck unter die Haut spritzen.

Pumpe:
Insulinpumpen sind kleiner als eine Zigarettenschachtel und werden ständig am Körper getragen. Über einen Schlauch und eine Kanüle gibt das Gerät permanent geringe Mengen Insulin in das Fettgewebe am Bauch. Es imitiert damit die natürliche Funktionsweise der Bauchspeicheldrüse. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft empfiehlt die Geräte vor allem für sehr junge Patienten. Da vor allem kleinere Kinder nur geringe Insulinmengen benötigen, besteht beim Spritzen die Gefahr der Überdosierung. Die Pumpe umgeht dieses Risiko. Nachteile des Systems sind, dass sich die Einstichstelle der Kanüle entzünden oder der Katheder verstopfen kann.

Inhalation:
Seit Mai 2006 können Diabetiker in Deutschland Insulin auch inhalieren. Zugelassen ist die Therapie für Patienten ab 18 Jahren. Bei dieser Methode wird Insulin als Trockenpulver mit Hilfe eines speziellen Gerätes durch den Mund eingeatmet. Seine Wirkung ist nach derzeitiger Studienlage mit der der herkömmlichen Therapien vergleichbar. Da Langzeiterfahrungen fehlen, empfiehlt die Deutsche Diabetes-Gesellschaft diese Methode nur in Ausnahmefällen. Sie komme für Patienten in Frage, die aus Angst vor Spritzen eine Insulinbehandlung verweigern.

Nicht geeignet ist die Therapie für Raucher und Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen. Rauchen erhöht die Insulinaufnahme in der Lunge und steigert damit die Gefahr von Überdosierungen. Asthmatiker resorbieren im Gegensatz dazu zu wenig Insulin.

Abnehmen und aktiv sein
„Vernünftiger essen und trinken und mehr körperliche Bewegung helfen, den Diabetes zurückzuhalten oder ihn besser einzustellen, wenn er sich erst einmal manifestiert hat“, rät Hermann Liebermeister, Chefarzt aus Neunkirchen-Saar.
Regeln für Zuckerkranke

Für Zuckerkranke gelten folgende Verhaltensregeln:
Reduzieren Sie Ihr Gewicht

Verringert sich das Fettgewebe wird der Körper wesentlich empfindlicher gegenüber noch vorhandenem Insulin. Der Blutzuckerspiegel kann sich normalisieren.
Bewegen Sie sich

Körperliche Bewegung senkt den Blutzuckerwert. Regelmäßiger Sport und Gymnastik fördern die Aufnahme des Zuckers in den Muskeln. So muss der Körper weniger Insulin produzieren.
Kontrollieren Sie Ihren Blutzucker

Regelmäßige Messungen helfen, sich selbst zu kontrollieren. Teststreifen weisen die Konzentration von Zucker im Urin nach. Messgeräte analysieren in wenigen Sekunden die Zuckerkonzentrationen im Blut.
Tragen Sie Ihren Diabetiker-Ausweis bei sich

Diabetiker sollten immer einen Pass bei sich haben, der Passanten in Krisensituationen informiert und die Erste Hilfe erleichtert. In diesem Pass stehen auch die Ergebnisse aller Kontrolluntersuchungen.
Weitere Informationen

Mehr Informationen erhalten Diabetiker bei der Deutschen Diabetes-Gesellschaft in Bochum und den Selbsthilfegruppen des Deutschen Diabetiker Bundes e. V. Auch dem „Diabetes Journal“ können Diabetiker Tipps für ihre Behandlung entnehmen.

Weitere „Zuckerl“ im Netz: das Diabetes-Forum. Auch die Amerikanische Diabetes-Gesellschaft (ADA) und die deutsche DiabSite sind eine Fundgrube für Patienten. Diabetes-Kids richtet sich vor allem an Kinder mit Diabetes vom Typ 1 und deren Eltern.

Quelle:http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/diabetes/symptome/zuckerkrankheit/diabetes_aid_10694.html